Nachhaltig reisen: Wie geht das eigentlich?

Die 7 Grundlagen des sanften Tourismus

Sanfter Tourismus, nachhaltig reisen, Eco Travel – viele Ausdrücke, die eigentlich alle dasselbe meinen: in Einklang mit der Natur reisen. Reisen, ohne der Umwelt Schaden zuzufügen.

Klingt erstmal super. Aber was genau bedeutet das eigentlich konkret für die eigenen Reisegewohnheiten? Was muss man dabei alles beachten? Und fühlt sich der Urlaub dann eigentlich noch wie Urlaub an oder eher wie ein Hindernislauf durch einen Verbote-Parcours? Berechtigte Fragen, die wir uns auch gestellt haben. Und eines wollen wir jetzt schon vorwegnehmen: Der Spaß bleibt nicht auf der Strecke! Wir erklären dir, was nachhaltig reisen ausmacht und wie auch du deinen Teil zum großen Ganzen beitragen kannst.

Grüner reisen: Worum genau geht es dabei eigentlich?

Dass Massentourismus, Fernreisen und Kreuzfahrten nicht unbedingt gut für die Umwelt sind, leuchtet ein. Die Idee des nachhaltigen Reisens möchte die ausgetrampelten Pfade des Massentourismus verlassen und neue Wege gehen – sanfter und mit mehr Bedacht. Konkret geht es darum, ökologisch nachhaltig, emissionsarm, sozial gerecht und kulturell angepasst zu reisen. Wie genau das funktioniert, lest ihr in unserem sieben Tipps für Nachhaltiges Reisen:

7 Tipps für Nachhaltiges Reisen

Diese 7 Grundlagen des sanften Tourismus sind ein Leitfaden, an dem du dich orientieren kannst:

1 Reiseart – Reisedauer – Reiseziel

Eigentlich umfasst der erste Punkt gleich drei Aspekte, die aber untrennbar miteinander verbunden sind: Die Entfernung zwischen Wohnort und Reiseziel sollte in einem angemessenen Verhältnis zu der Reisedauer und der Anreiseart stehen. Wie, wie lange und wohin du unterwegs bist, gehört zu den wichtigsten Aspekten des nachhaltigen Reisens. Stichwort: #Flugscham. Fliegen zählt mit Abstand zu den klimaschädlichsten Arten der Fortbewegung. Immerhin pumpte die zivile Luftfahrt – also Flugreisen, wie du und ich sie unternehmen – im Jahr 2018 rund 859 Millionen Tonnen CO² in die Atmosphäre. Das ist beachtlich. Und schwer zu verkraften, wenn man wie ich mit dafür verantwortlich ist. Aber gar nicht mehr fliegen? Das muss auch nicht sein. Den eigenen Reisegewohnheiten kritisch zu begegnen und sich ehrlich zu fragen Ist das wirklich nötig, macht das Sinn? – damit legst du den Grundstein für eine neue, nachhaltigere Art, zu reisen.

Wenn du also vorhast, drei Monate am Golf von Bengalen im Lotussitz auf den Horizont zu starren, dann ist eine Flugreise eher angemessen als für einen Wochenendtrip nach Mallorca oder um in London shoppen zu gehen. Im Zweifelsfall einfach den gesunden Menschenverstand fragen.  In der Regel weiß der Bescheid und sagt ehrlich seine Meinung.

2 An- und Abreise

Der Großteil der durch den Tourismus bedingten Emissionen geht auf An- und Abreise sowie die Art der Fortbewegung vor Ort zurück. Auf den Flieger zu verzichten, wenn möglich, ist deshalb einer der effizientesten Wege, die von der Tourismusindustrie verursachten Klimaschäden einzudämmen. Obwohl auch Autos einen Ruf als schwere Umweltsünder haben, sind am Boden ausgestoßene Treibhausgase um ein Vielfaches weniger schädlich als Emissionen, die in rund 10.000 Metern Höhe in die Atmosphäre gepumpt werden.

Aber klar kannst du auch hier noch mehr einsparen, beispielsweise indem du den Zug nimmst. Zugreisen sind nicht nur irgendwie romantisch und entspannend – wenn man erstmal sitzt und fährt –, es handelt sich dabei auch um die mit Abstand umweltfreundlichste Art zu reisen. Ja, auch wenn der Zug mit Kohlestrom betrieben wird.

Auch auf moderne, alternative Formen der Mobilität kannst du zurückgreifen: CarSharing und Fahrgemeinschaften sind eine tolle Möglichkeit, von einem Fleck zum anderen zu gelangen. Man lernt neue Leute kennen und teilt sich Abgase und Emissionen, anstatt die Umwelt doppelt zu verpesten. Dennoch: Autoreisen, auch allein und/oder über weite Strecken, sind zig Mal umweltfreundlicher als Fliegen.

Und wie wäre es eigentlich mal mit Radreisen? Gut geplant können Radreisen zu nahegelegenen Zielen echte Abenteuer sein, die garantiert ganz im Sinne der ökologischen Nachhaltigkeit stehen.

3 Destination: regional statt global

Klingt erstmal nicht gerade nach Freiheit oder Horizonterweiterung? Weit gefehlt! Es muss nicht immer das andere Ende der Welt sein, wenn man Neues entdecken will. Um die Ecke gibt es mehr als Buxtehude und Castrop-Rauxel (auch wenn wir den beiden Städtchen wahrlich nicht zu nahetreten wollen)!

Regionale Wertschöpfung gehört zu den zentralen Themen des Nachhaltigen Reisens. Warum? Weil der Löwenanteil der durch den Tourismus bedingten Umweltbelastungen geht auf die Art der Mobilität. Neben der Nutzung umweltfreundlicher Verkehrsmittel gehört auch die Erkundung attraktiver Urlaubsziele in der Umgebung zu den wichtigsten Aspekten des sanften Tourismus. Je kürzer die Wege, desto geringer die Emissionen.

Aber keine Sorge – deshalb musst du noch lange nicht Urlaub auf Balkonien machen! Glücklicherweise leben wir in einer Region, die in puncto Natur und Kultur wahnsinnig viel zu bieten hat: Allein Deutschland strotzt nur so vor sehenswerten Landschaften und Naturschönheiten – nicht umsonst ist es immer noch das liebste Reiseland der Deutschen.

Zahllose UNESCO-Weltkultur- und -naturerbestätten finden sich zwischen dem Sylter Ellenbogen und der Zugspitze. Ob Wattenmeer oder Erzgebirge, ob endlose Weiten in Ostfriesland oder Wasserfälle und schroffe Schluchten im Schwarzwald, ob feinste Sandstrände und wogende Dünen am Darß oder Gebirgspanorama und Höhenluft im Alpenvorland – in der eigenen Region gibt es mehr als genug zu entdecken. Auch unsere traumschönen Nachbarländer wie Österreich, die Schweiz und natürlich die Be-Ne-Lux-Staaten gehören dazu.

Als Eco Traveller hast du den Vorteil, dass Deutschland und seine Nachbarstaaten über ein sehr gutes öffentliches Verkehrsnetz verfügen. Auch die Rad- und Wanderwegenetze sind in den meisten Regionen sehr dicht und bestens beschildert. Entsprechende Informationen findet man einfach im Netz oder über Fremdenverkehrsorganisationen. Das sind jedenfalls ideale Voraussetzungen für die Wiederentdeckung regionaler Naturschätze im Sinne des sanften Tourismus.

4 Unterkunft

Normalerweise legen wir bei der Unterkunft zu allererst Wert auf Merkmale wie Ausstattung, Lage, Komfort und Kosten. Ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis soll es sein. Wenn du nachhaltig reisen möchtest, stehen aber auch andere Fragen im Vordergrund:

  • Wird die Unterkunft privat betrieben oder handelt es sich um eine große Hotelkette?
  • Wie ist die Unterkunft gestaltet und fügt sie sich gut in das lokale Landschafts- beziehungsweise Stadtbild ein?
  • Wie groß ist das Hotel – und steht die Bettenanzahl in einem angemessenen Verhältnis zur Einwohnerzahl der Ortschaft?
  • Gibt es vielleicht Öko-Siegel, die Auskunft über die Nachhaltigkeit des Hauses geben?
  • Ist ein Restaurant im Hotel vorhanden und sind die angebotenen Speisen dort regional-saisonal ausgerichtet?

Details wie diese geben dir eine Idee davon, wie gut eine Unterkunft in das Konzept des sanften Tourismus passt.

Übrigens: Es muss nicht immer „Öko“ oder „Bio“ dranstehen, damit Nachhaltigkeit drin ist! Es gibt zahlreiche privat geführte Hotels und Pensionen, die sich wunderbar in die lokalen Gegebenheiten einfügen und somit auf ganz natürliche Weise den Nachhaltigkeitsaspekt unterstützen – ohne dass sie eine konkrete Absicht verfolgen. Auch die den Hotels angeschlossenen Restaurants geben häufig Aufschluss über den generellen Charakter des Hauses. Wird hier Wert auf Saisonalität und Regionalität der Speisen gelegt? Dann kann den Betreibern die Wertschöpfung in ihrer eigenen Region jedenfalls nicht ganz fern liegen.

Dennoch gibt es zahlreiche Unterkunftsarten, die sich auf Eco Travel spezialisiert haben, beispielsweise diverse Öko- und Bio-Hotels, Tiny Houses, Blockhütten und Baumhäuser oder Urlaub auf dem Bauernhof. Einige Unterkünfte setzen auf klare Statements und werben mit offiziellen Siegeln wie Blaue Flagge, TourCert oder Viabono.

5 All inclusive? Lieber nicht.

All-inclusive-Angebote sind günstig und praktisch. Man muss das Hotel kaum verlassen und sich um wenig kümmern. Der lokalen Bevölkerung und Wirtschaft im Gastgeberland bringt diese Form der Hotellerie aber nicht viel. Nachhaltiger ist es, Restaurants, Bistros und Cafés im Viertel zu nutzen und auf diese Weise die lokale Wirtschaft zu unterstützen.

6 Lokale Natur und Kultur unterstützen

Dasselbe gilt für Aktivitäten im und rund um den Urlaubsort. Auch bei deinen Unternehmungen kannst du die einheimische Bevölkerung beziehungsweise die Wirtschaft vor Ort wunderbar unterstützen. Das passiert ganz automatisch, wenn du die lokalen Angebote in Anspruch nimmst, anstatt internationale Ketten und Tourismuskonzerne zu unterstützen. Lass auch von Aktivitäten ab, die allem Anschein nach überhaupt nicht landestypisch oder regionsspezifisch sind, wie riesige Wasserparks in heißen, trockenen Ländern, oder die die lokale Natur und Bevölkerung ausbeuten und/oder verhöhnen, wie Kamelreiten in Tunesien.

Auch die Begegnungen mit den Menschen vor Ort kannst du im Sinne der Nachhaltigkeit gestalten. Abhängig vom Urlaubsort können die landestypischen Gepflogenheiten sehr unterschiedlich zu unseren sein. Wenn du dich im Vorfeld darüber informierst, fällst du vor Ort nicht negativ auf, sondern erweist den Einheimischen deinen Respekt, indem du dich ihrer Kultur anpasst. So kann ein echter Austausch auf Augenhöhe zustandekommen.

Selfies sind ebenfalls mit Vorsicht zu genießen. Für das perfekte Erinnerungsfoto werden Anstand und gesunder Menschenverstand manchmal über Bord geworfen. Die alte, zahnlose Marktverkäuferin auf dem Wochenmarkt in Kinshasa mag mit ihrem tellergroßen Ohrschmuck, der klaffenden Zahnlücke und der ledernen Gesichtshaut ein perfektes Selfie-Motiv sein, das verdammt viele Likes verspricht – aber vielleicht verletzt es ihre persönliche Würde zum Objekt gemacht zu werden. Auch wenn du dir gar nichts Böses dabei denkst.

7 Fortbewegungsmittel vor Ort

Bei der Mobilität am Urlaubsort gilt dasselbe wie für die An- und Abreise. Lass den Mietwagen stehen und nimm stattdessen Bus und Bahn. Auf diese Weise sparst du nicht nur Emissionen ein, du kommst auch viel eher mit der einheimischen Bevölkerung und Kultur in Kontakt. Oder, noch besser: Vielleicht kannst du dir in deiner Unterkunft ein Leihfahrrad mieten? Radtouren und auch die eigenen zwei Beine werden schwer unterschätzt, wenn es um Fortbewegung im Urlaub geht. Mit dem Drahtesel ist man schnell, bekommt jede Menge zu sehen und gönnt sich gleichzeitig Bewegung und frische Luft. Wandernd oder spazierend tut man sich die Ruhe an, entschleunigt und erlebt den Ort und die Kultur viel unmittelbarer als aus dem Auto heraus.

Last but not least: lass den moralischen Zeigefinger zuhause!

Wie bei allen Gegenbewegungen gibt es auch unter den Nachhaltigreisenden und EcoTravellern die Absolutisten, die Moralisten, die Schwarz/Weiß-Maler. Uns geht es hier ausdrücklich nicht darum, uns mit übertriebener Strenge an alle SlowTravel-Prinzipien zu halten – die ja ohnehin als Empfehlungen zu verstehen sind, nicht als Regeln.

Viel mehr wollen wir uns von dieser neuen, anderen Art des Reisens inspirieren lassen, wollen Neues ausprobieren, uns an bislang unbekannte Ufer führen lassen und herausfinden, was es damit auf sich hat. Wir glauben, dass es beim nachhaltigen Reisen nicht in erster Linie um Verzicht geht, sondern viel mehr um einen Perspektivwechsel, eine andere Herangehensweise und um die Bereitschaft, die eigenen, vielleicht eingefahrenen (Reise-)Gewohnheiten zu überdenken. Wir weigern uns zu glauben, dass es um Verbote und Verzicht geht, ganz im Gegenteil: Vielleicht finden wir auf diese Weise eine ganz neue Form der Freiheit? Definitiv erleben wir dabei aber etwas ganz Anderes als bei der konventionellen Art zu reisen.

Regina Tücking

Hallo liebe Leser und Reisefreunde! Ich bin Regina, Teil des kleinen, aber feinen Autorenkollektivs des touriDat-Blogs und kümmere mich in erster Linie um die Kategorie EcoTravel. Dort versorge ich euch regelmäßig mit vielen interessanten Infos, Hintergrundwissen, Tipps und Empfehlungen rund um das Thema nachhaltig Reisen und sanfter Tourismus. Ich freue mich darauf, dieses spannende Thema mit euch anzugehen und zusammen mit euch jede Menge Neues zu lernen!

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