Sind wir nicht alle ein bisschen ottonormal?

Von Angebot und Nachfrage und warum wir verdammt noch mal die Wahl haben!

Gestern im Supermarkt:

Ein junges Mädel, Typ Studentin, in vertretbarem Maße unangepasst, ironischer Print auf dem Shirt, vermeintlich klug blitzende Augen, verwuschelter Half-Bun, zu große Drahtgestellbrille, die sie wahrscheinlich nicht mal unbedingt braucht. Steht an der Kasse hinter mir. Ihre Ausbeute fährt auf dem Band an mir vorbei, darunter: eine 250-Gramm-Schale Chamignons, doppelt plastikverpackt, ein Bund „Bio“-Bananen mit Plastikbanderole, je 100 Gramm Schnittlauch und Petersilie, doppelt plastikverpackt, fertige Rosmarinkartoffeln, eingeschweißt und pappverpackt, außerdem Bio-Eier aus dem Sauerland, Bio-Milch und eine Tafel Rittersport.

Beim Anblick dieses irritierenden Kassenband-Ensembles inklusive der vermeintlich klugen Kassenband-Ensemble-Käuferin – als Typ Studentin mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit eine unserer Leistungsträgerinnen von morgen – lassen sich mindestens eine Handvoll Fragen nicht unmittelbar aus der Welt räumen: Hat sie sich etwas bei der Auswahl gedacht? Wenn ja – was denn bloß? Wie können so viele Widersprüche auf einem Kassenband, geschweige denn in einer Verbraucherin Platz finden? Und: Ist das wirklich so ungewöhnlich, wie es auf den ersten Blick erscheint? Ist diese (vermeintlich) kluge Studentin nicht sogar das perfekte Beispiel für den Otto Normalverbraucher von heute? Und:

Ist der Verbraucher von heute vielleicht eine der widersprüchlichsten Spezies überhaupt?

Fragen über Fragen. Die ich nicht gleich beantworten kann. Wissenschaftler arbeiten gern mit Direktvergleichen. Ein guter Ansatz, finde ich, und schaue auf meine Einkaufsbandsektion. Da liegen Bananen ohne Banderole, dafür aber auch nicht „bio“. Auch zugeben muss ich aber, dass ich mir sehr wohl im Klaren darüber bin, dass eine Bio-Banderole um Bananen so oder so Hohn und Spott für biologische Nachhaltigkeit ist, weil diese leckeren und nahrhaften Früchte schlicht und ergreifend eine ellenlange Reise über die Weltmeere hinter sich bringen müssen, nur um meinen Gaumen zu erfreuen und meinen Stoffwechsel zu beglücken, nachdem Sie höchstwahrscheinlich unter für uns komfortverwöhnte Mitteleuropäer unerträglichen Bedingungen von südamerikanischen Arbeitern zu einem Hungerlohn hochgezogen und abgeerntet wurden. Dass ich – um wirklich konsequent zu sein – wohl auf meine völlig selbstverständliche Banane verzichten müsste. Ähnliches gilt wohl für die Kiwis, die aber wenigstens ohne Plastiktüte in meinem Bandbereich herumeiern. Und für den Kaffee. Der ist natürlich verpackt und nicht mal Fairtrade, sondern einfach Jacobs. Weil ich Jacobs ganz einfach schon immer mochte. Joghurt. Da steht bio drauf, aber habe ich mich über das Label wirklich ausreichend informiert? In Wahrheit kann mir da jemand ein A für ein U vormachen und ich würde dabei noch nett lächeln. Äpfel aus der Region, kullern auch unverpackt herum, Käse aus dem Allgäu. Ich wohne in Dortmund. Ist in Ordnung. Oder?

Manchmal ist es frustrierend. Für die kluge Studentin bestimmt genauso wie für mich. Gut, mein Obst und Gemüse hat mehr Bewegungsfreiheit. Insgesamt ist meine Plastikausbeute relativ gering, das tröstet mich, ein Wenig. Trotzdem spüre ich gerade sehr deutlich, wie schwierig es ist, als Verbraucher die richtige Wahl zu treffen. Bei jedem Einkauf, bestimmt jeden zweiten oder dritten Tag aufs Neue.

Die fiesen, kleinen Trampelpfade im Gehirn

Der Geist ist träge, das wissen wir alle. Erst recht nach einem langen Arbeitstag. Und er betuppt sich allzu gerne selbst. Es ist so herrlich einfach, mit zweifelhaften Bio-Etiketten das eigene Gewissen zu beruhigen – da verzeiht man sich das bisschen Plastik, das bisschen soziale Ausbeutung doch gleich viel schneller. Wenn man es seinem Geist überhaupt gestattet, soweit zu denken – bis nach Afrika, bis zur Ausbeutung. Manchmal will man doch auch einfach nur seine Ruhe und seinen Frieden haben, seinen Jacobskaffee, seine vorgekochten Rosmarinkartoffeln. Der träge Geist mag seine alten Gewohnheiten. Da kann er sich ohne Aufwand hineinfallen lassen, da kann er sich reinlegen und drin liegenbleiben wie Eingewecktes im eigenen Saft. Da hat fühlt er sich wohl. Zumindest für eine Weile. Aber wenn er da einmal drin liegt, in seinem eigenen trägen Sud, dann bleibt er da erstmal. Und ihn da wieder rauszukriegen, ist kein einfaches Unterfangen. Mentale Faulheit ist das, auch bekannt als der innere Schweinehund. Und der hält uns nicht nur davon ab, den Hintern vom Sofa zu bugsieren, wenn wir eigentlich Joggen gehen wollen, statt Netflix zu gucken oder doch noch ein Kapitel zu lesen. Sie ist auch der Fallstrick des emanzipierten Otto Normalverbrauchers. Und die Hauptursache für seine konsequente Inkonsequenz, für seine bemerkenswerte Widersprüchlichkeit, für die tiefe Schlucht zwischen seinen idealisierten Ansprüchen und der banalen Lebenswirklichkeit. Für seine Halbherzigkeit und für seinen Hang zur Selbstberuhigung.

Die vermeintlich kluge Studentin ist ganz bestimmt tatsächlich klug. Und ich natürlich auch! Auch in unseren Ansprüchen an nachhaltigen Konsum scheinen wir uns zumindest zu ähneln. Trotzdem lassen wir es zu, dass wir uns selbst veräppeln und uns etwas vormachen. Obwohl wir mit jeder Kaufentscheidung eine Wahl treffen. Jedes einzelne Piepsen eines Barcode-Scanners steht stellvertretend für eine Kaufentscheidung, für eine demokratische Wahl, die wir für oder gegen eine bestimmte Art von Produkt treffen, für oder gegen eine bestimmte Art von Produktionskette, für oder gegen eine bestimmte Art von Politik.

Unsere hohen Ansprüche und unser Idealismus helfen uns mitnichten weiter, solange wir sie nicht auf unserem Einkaufsband wiederfinden. Klar muss man erstmal eine Einstellung entwickeln, eine Haltung einnehmen, darüber nachdenken, was man will, was einem wichtig ist und ob und inwieweit man den Aufwand betreiben will, ökologische Nachhaltigkeit in die eigenen Konsum-, Reise- und Lebensgewohnheiten zu integrieren.

„Dumm ist der, der Dummes tut.“

Forrest Gump

Aber wenn wir unsere eigene Haltung gefunden haben und trotzdem nicht entsprechend handeln, dann hilft uns auch keine Klugheit mehr weiter. Wie sagt Forrest Gump so schön? „Dumm ist der, der Dummes tut.“ Recht hat er. Also lasst uns weniger klug sein und dafür mehr klug handeln. Lasst uns nicht von einer Bio-Banderole auf Bananen aus Ecuador zum Narren halten lassen. Lasst uns nicht selbstvergessen in unser Smartphone starren, während das Barcode-Piepsen unsere (hochpolitische!) Produktwahl kommentiert. Wir sind aufgeklärte Verbraucher, also lasst uns auch häufiger wie solche handeln. Lasst uns unsere Wahl so bewusst wie möglich treffen. So oft wie möglich. Und lasst uns unsere Banane wenigstens bewusst genießen. Sie hat einen weiten Weg hinter sich.

Regina T.

Hallo liebe Leser und Reisefreunde! Ich bin Regina, Teil des kleinen, aber feinen Autorenkollektivs des touriDat-Blogs und kümmere mich in erster Linie um die Kategorie EcoTravel. Dort versorge ich euch regelmäßig mit vielen interessanten Infos, Hintergrundwissen, Tipps und Empfehlungen rund um das Thema nachhaltig Reisen und sanfter Tourismus. Ich freue mich darauf, dieses spannende Thema mit euch anzugehen und zusammen mit euch jede Menge Neues zu lernen!

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