Kleine Auszeit am Steinhuder Meer – Part II

Steinhuder Meer

Fischbrötchen essen, Sand unter den Füßen spüren, Surfen und Radfahren – klingt nachdem perfekten Nordseeurlaub? Falsch! Wir waren am Steinhuder Meer bei Hannover!

Mit dem Radl rund ums Meer

Das Steinhuder Meer WILL mit dem Rad erkundet werden. Es geht gar nicht anders. Wer möchte, kann auch wandern. Aber du schaffst den See nicht an einem Tag zu Fuß – und es macht auch nicht unbedingt Sinn, obwohl das natürlich immer Geschmackssache ist. Die Landschaften rings um den knapp 30 Quadratkilometer großen See sind so abwechslungsreich und vielseitig, dass es ein echtes Erlebnis ist, sie alle hintereinanderweg zu durchfahren. Mit Wind im Haar und Freiheitsgefühlen. Ein bisschen ist es, als würde man durch ein Märchenland fahren, in dem auf magische Weise von Jetzt auf Gleich die Kulissen getauscht werden. Gerade fährst du noch am Nordostufer durch einen weißen Birkenwald, der vor lauter Weißheit fast zu leuchten scheint, und im nächsten Moment tun sich vor dir lila-grüne Moorlandschaften auf, die so buschig und flauschig aussehen, als könnte man sich rückwärts in sie hineinfallenlassen und würde immer sicher landen. Man passiert feinsandige Strandabschnitte, an denen Menschen Beachvolleyball spielen, grillen, Musik hören, kitesurfend durch die Luft fliegen und sich im seichten Wasser kreischend nassspritzen; schicke Yachthäfen und entlegene Aussichtspunkten wechseln sich mit dichten Laubwäldern und weit ins Wasser hineinreichenden, einsamen Bootsanlegern ab – bis man sich schlagartig, von einer Kurve zur nächsten, inmitten endloser, grüner Weiten wiederfindet, mit denen man nun ganz und gar nicht gerechnet hätte.

Grün, grün, grün, bis zum Horizont, nur unterbrochen von Bachläufen, Tümpeln, Teichen und Mooren. Hindurchführen etliche Kilometer akkurat beschilderter Rad- und Wanderwege, die – würde man sie alle aneinanderreihen – wahrscheinlich bis ans Ende der Welt führen. Man kann hier ewig fahren und fahren. Mittendrin: Hunderte, vielleicht Tausende Zugvögel. Das sind die Meerbruchswiesen, ein Naturschutzgebiet am Westufer. Über 67 Vogelarten sind hier vertreten. Zwischendurch erleben wir etwas, das sich zuerst wie die leibhaftige Apokalypse, dann wie ein veritables Wunder anfühlt. Von irgendetwas für uns nicht Wahrnehmbarem aufgeschreckt fliegen mehrere Dutzend Wildgänse empor und treten unter lautem Flügelschlagen über unsere Köpfe hinweg die Weiterreise an. Ein Schwarm nach dem nächsten fliegt auf, es hört gar nicht mehr auf, bald herrscht ohrenbetäubendes Getöse aus Flügelschlägen und Gänsekrähen, der ganze Himmel ist von grau-braunen Tieren bevölkert. Wir lassen uns ausrollen, bleiben stehen, schütteln langsam ungläubig die Köpfe, denken beide an Alfred Hitchcock und lächeln verklärt den Gänsehimmel an. Wir Städter! Nichts Vergleichbares haben wir je gesehen.

Als das Getöse vorbei ist, satteln wir wieder auf. „Wahnsinn“, sag ich eher zu mir selbst. Nach einigen Stunden – immer in Abhängigkeit von der Häufigkeit und Länge der Pausen und natürlich vom Tempo der Radfahrenden, das seinerseits wieder von der Schwere der Ladung abhängt, die bei uns mit einer über 40-Kilo-Hundeladung recht beachtlich ist – kommt man dann am Ausgangspunkt wieder an.

Zwischendurch: Rast machen. Unbedingt! Wir sind leidenschaftliche Raster und lassen es uns gleich zwei Mal schmecken. Zuerst in der Alten Moorhütte, wo wir uns Flammkuchen (köstlich!), Apfelschorle und starken Kaffee gönnen. Zuletzt in namenlosen Holzverschlag an einem großen Seerosenteich. Auf der Terrasse gibt es Waffeln mit Vanilleeis und Heidelbeeren für meinen Mann, Schokokuchen für mich, Bier für uns beide. Wir sind ganz schön k.o. und starren vor uns hin, der Anblick der Seerosen auf der scheinbar unbewegten Wasseroberfläche macht uns ganz friedlich. Kuchen und Bier tun den Rest. Die letzte Passage durch die Meerbruchswiesen war hart, auf der freien Fläche macht der starke Wind es einem nicht gerade leicht. Hinterher weiß man jedenfalls, was man getan hat.

Übrigens: Wir hatten nicht unsere eigenen Fahrräder mit, sondern haben uns Räder ausgeliehen – am Minigolfplatz Steinhude, inklusive Hundehänger, in den mühelos der große Oskar und Rudi, der Zwerg, hineinpassen. Es gefällt beiden ganz gut, zusammen in dem Wägelchen hin- und hergeschaukelt zu werden. Zwischendurch lassen wir sie natürlich auch neben dem Rad herlaufen, aber die ganze Strecke ist zu weit. Bei den Rädern handelt es sich um qualitativ hochwertige Modelle der deutschen Traditionsmarke Karhoff. Mit anderen Worten: Das sind wirklich gute Räder, die für lange Touren gemacht sind. Uns tat am nächsten Tag nicht mal der Hintern weh! Wenn ihr euch für zwei Tage die Mühe sparen wollt, eure eigenen Räder mitzuschleppen, dann ist das eine wirklich unkomplizierte und außerdem preiswerte Alternative.

Und heute? Ab auf die Insel!

Das Steinhuder Meer hätte seinen Namen nicht verdient, wenn es nicht auch mit ein, zwei Insel aufwarten könnte: die Insel Wilhelmstein und die Badeinsel, die über einen langen Steg mit dem Festland verbunden ist. Wir wollen beide gerne sehen. „Ist echt schön da“, hat unser Vermieter gesagt. „Vor allem Wilhelmstein. Viele haben keine Lust auf die Bootsfahrt. Da kann man mal in Ruhe aufs Meer gucken“, sagt’s und widmet sich wieder mit heiliger Sorgfalt dem Fegen des Hofs. Damit steht fest, was wir an Tag zwei unternehmen: Ab auf die Insel!

Eine knapp 15-minütige Bootsfahrt bringt uns zur Festung Wilhelmstein. Die 1,4 Hektar große Insel wurde im 18. Jahrhundert künstlich aufgeschüttet und sollte sowohl als Musterfestung als auch als uneinnehmbarer Fluchtpunkt im eigenen Land dienen. Heute ist von militärischen Manövern hier nicht mehr viel zu spüren. Wuchtige Bäume wiegen sich im Wind, am Ufer kommen schwappend kleine Wellen an, in der Ferne huschen bunte Dreiecke über die Wasseroberfläche und durch die Luft. Wir spazieren umher, die zwei Handvoll Besucher sind kaum merklich anwesend. Einzig im Inselcafé herrscht überraschend reger Betrieb. Für uns gibt’s heut nur Kaffee mit Meerblick – immerhin!

Fazit: Grüner reisen = Neues entdecken

Mein zweiter Kurztrip, seit ich mit dem Nachhaltigkeitsprojekt gestartet bin – und ich muss sagen: Es funktioniert tatsächlich. Ich fühle mich überrascht, bereichert, mein Horizont ist ein Stückchen weiter geworden – auch wenn ich eben nicht „weit“ reise. Dieser Kernaspekt des nachhaltigen Reisens öffnet die Augen für die Schönheit vor der eigenen Haustür oder zumindest ein paar Ecken weiter. Man geht neue Wege, betrachtet die Dinge aus einer anderen Perspektive und wird dafür mit wunderbaren Erlebnissen und bereichernden Entdeckungen belohnt.

Und irgendwie merke ich erst jetzt recht, worum es bei diesem Blog, diesem Projekt Nachhaltigkeit eigentlich geht: Man geht immer davon aus, dass nachhaltig zu leben oder zu reisen mit Verzicht zu tun hat, dass es irgendwie den Spaß verdirbt, dass man ständig mit einem wedelnden Zeigefinger im Nacken durch den Urlaub stapft, der eigentlich permanent nein sagt. Dass man eigentlich nichts darf, dafür aber alles Mögliche muss. Nicht fliegen, wenig einpacken, U-Bahn und Fahrrad fahren, aber nicht den Leihwagen nehmen. Et cetera. In Wahrheit ist es aber ein Abenteuer, dass dir jede Menge zu geben hat, wenn du dich wirklich mit vollem Herzen darauf einlässt!

Aber was man erfährt, wenn man sich darauf einlässt, ist etwas ganz anderes: Es ist ein Geben und Nehmen. Du gibst ein Stück von deiner Bequemlichkeit auf, um die Welt ein winziges Stückchen besser zu machen, und bekommst dafür wundervolle, kleine Geschenke zurück – ob in Form von bereichernden Bekanntschaften und Begegnungen, in Form von neuen Entdeckungen, die unseren Horizont erweitern, oder einfach in Form von Sonnenuntergängen über dem Wasser, die die ganze Palette an Rot- und Lila- und Gelbtönen abspult, die überall sonst der Inbegriff des Kitsches wäre. Nicht aber in der Natur. Ein bisschen fühlt es sich so an, als würde man mit der Welt selbst in Kommunikation treten. Es ist auf jeden Fall wunderschön. Und sehr beglückend! Und natürlich unbedingt zu empfehlen. Go nachhaltig, Leute! Probiert’s mal aus.

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