Fass dir ein Herz – aber bitte ein ganzes

Wie du in fünf Schritten deine eigene Halbherzigkeit nachhaltig überwindest, ohne über deine eigenen Ansprüche zu stolpern

Wir alle kennen sie allzu gut: die manchmal schmerzende Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Wenn auch du bemüht bist, in dein Leben und dein Reisen ein bisschen Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein zu integrieren, dann wird dir dieses Gefühl vielleicht jeden Tag bewusst. Als Verbraucher kommt es einem manchmal nahezu unmöglich vor, seine Ansprüche in die Tat umzusetzen. Viel eher scheint man sich mit den besten Kompromissen begnügen zu müssen, wenn man ökonomische, ökologische und soziale Nachhaltigkeit die eigenen Kaufentscheidungen bestimmen lassen möchte. Plastikverzicht? Wirklich nachhaltig produzierte Kleidung? Obst und Gemüse aus der Region? Fleisch von glücklichen Tieren? Um sich vom vorherrschenden Konsumverhalten in all seinen Nach-mir-die-Sintflut-Facetten konsequent zu distanzieren, muss man teilweise logistische und finanzielle Aufwände betreiben, die zu dem direkten Nutzen für den Verbraucher selbst in keinem Verhältnis stehen. Ganz abgesehen davon, dass logistische und finanzielle Mittel im Alltag des Otto Normalverbrauchers häufig schlicht nicht ausreichen, um den eigenen Ansprüchen gerecht werden zu können. Bio-Bauern, Unverpacktläden, nachhaltige Mode, die möglichst nicht online bestellt und vom schwerst unterbezahlten Paketboten geliefert werden muss – das alles kostet Zeit und Geld, und zwar nicht zu knapp. Einfach deshalb, weil das Angebot an wirklich nachhaltigen Produkten in normalen Supermärkten immer noch spärlich ist und immer noch allzu häufig auf Verbraucherberuhigung, wenn nicht gar auf Verbrauchertäuschung basiert.

Auf diese Weise macht es die Industrie uns allzu leicht, immer wieder und wieder in alte Verhaltensmuster zurückzufallen und den einfachen Weg zu gehen. Komm, dann heute eben den Reis aus der Plastikverpackung. Dann eben doch die Flugreise. Dann eben den Bio-Baumwoll-Pulli aus dem Onlineshop, der zwar unter fairen Arbeitsbedingungen hergestellt, aber unter dritteweltwürdigen Bedingungen ausgeliefert wird. Kompromisse pflastern den Weg der Bemühten. Das ist unfair, weil frustrierend. Und als Otto Normalverbraucher ist man immer wieder dazu geneigt, sich auch noch selbst dafür zu schimpfen. Man ärgert sich über die eigene Inkonsequenz, über seine Halbherzigkeit und über die Bereitwilligkeit, mit der man der Selbstberuhigung anheimfällt.

In unserer konsum- und gewinnorientierten Wegwerfgesellschaft ist es wahrlich nicht leicht, sich aufrichtig um mehr Nachhaltigkeit im eigenen Leben zu bemühen. Und dabei nicht nur einem vorübergehenden Trend zu erliegen, sondern dauerhaft und langfristig eine Änderung herbeizuführen. Und gerade, weil die Bedingungen dafür nicht einfach sind, möchte ich hier ein kleines Plädoyer loswerden: für mehr Nachsicht mit uns selbst auf der einen Seite und mehr Mut zu Konsequenz auf der anderen Seite. Und zwar ganz in Ruhe. Schritt für Schritt. Wie du deine eigene Halbherzigkeit überwindest und wie du gleichzeitig konsequenter und nachsichtiger mit dir wirst, erfährst du in den folgenden fünf Schritten:

1. Betrachte den Status Quo und definiere den Missstand

Wenn du eine Änderung herbeiführen willst, musst du als erstes eine genaue Bestandsaufnahme machen. Betrachte mit klarem, urteilsfreiem Blick den Ist-Zustand, deine momentane Lebenssituation. Mach dir klar, was bereits deinen Ansprüchen entsprechend läuft, und wo noch Potenzial nach oben besteht.

Beispiel: Dir ist aufgefallen, dass du beim Einkaufen noch immer viel zu viele Produkte kaufst, die mit Nachhaltigkeit entweder rein gar nichts zu tun haben oder mit zweifelhaften Etikettierungen eher der Selbstberuhigung dienen. Wenn du das nächste Mal einkaufen gehst, versuche erstmal, gar nichts zu ändern, sondern achte einfach darauf, was auf dem Kassenband landet. Im Anschluss machst du eine Bestandsaufnahme. Hinter welchen Einkäufen kannst du guten Gewissens stehen, welche Produkte möchtest du eigentlich nicht mehr oder nur noch möglichst wenig in deiner Einkaufstasche oder in deinem Haushalt sehen?

Wichtig: Achte dabei unbedingt darauf, absolut urteilsfrei vorzugehen! Diese offene Art der Bestandsaufnahme ist eine willkommene Bühne für unseren inneren Kritiker, der hierbei jede Menge Futter bekommt und uns mit faulen Eiern und Tomaten (bestimmt aus Spanien!) bewerfen wird! Wenn der innere Kritiker schimpft, beachte ihn einfach nicht. Lass dich nicht auf Diskussionen mit ihm ein – er will das letzte Wort haben und wird es auch kriegen! Beachte sein Gerede einfach nicht weiter. Derweil versuchst du deinen Status Quo mit dem nüchternen und objektiven Blick eines Wissenschaftlers zu betrachten. Das wird dir ein wenig Distanz verschaffen. Und dein innerer Kritiker bekommt keine Resonanz.

2. Formuliere eine Absicht und dein persönliches Warum

Versuche in einfachen Worten auszudrücken, welche allgemeine Absicht du verfolgst. Hierbei handelt es sich um das übergeordnete Ziel – und das darf ruhig anspruchsvoll sein.

Beispiel: Ich möchte möglichst nur noch Produkte konsumieren, die ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltig sind und gehandelt werden.

Denke darüber nach, warum du dieses Ziel erreichen möchtest, warum es dir eine ganz persönliche Herzensangelegenheit ist.

Beispiel: Ich möchte keine Nach-mir-die-Sintflut-Haltung kultivieren, sondern meinen Teil dazu beitragen, dass das Ruder in die richtige Richtung gelenkt wird. Deshalb möchte ich mehr Nachhaltigkeit in meinen Alltag integrieren – und das fängt beim Einkaufen an.

Wichtig: Deine allgemeine Absicht darf ruhig idealistisch und verträumt sein. Es geht ja hierbei nicht darum, übermorgen dein Ziel erreicht zu haben, sondern darum es langsam, aber dafür stetig, immer wieder aufs Neue umzusetzen und zu einem festen Bestandteil in deinem Leben zu etablieren. Das erfordert viele Einzelschritte, die sich manchmal mühsam anfühlen. Ein großes übergeordnetes Ziel zu haben und sein persönliches Warum zu kennen, hilft ganz einfach dabei, durchzuhalten. 

3. Formuliere erste Einzelschritte zur Umsetzung und setze dir häppchenweise Teilziele

Als du im ersten Schritt deinen Status Quo betrachtet hast, sind dir wahrscheinlich einige Punkte aufgefallen, die noch nicht deinem Ideal entsprechen. Aus diesen Punkten kannst du nun konkrete Einzelschritte zur praktischen Umsetzung deiner Absicht ableiten.

Beispiel: Vielleicht waren es die Auberginen aus Spanien, die Äpfel in der Plastiktüte oder die Frühstücksflocken von Nestlé, die dir beim Status Quo ins Auge gefallen sind. Wahrscheinlich war es sogar mindestens eine ganze Handvoll solcher Kleinigkeiten. Nun überlegst du dir, welche Konsequenzen du daraus ziehst: Wenn du ein Haus mit Garten hast und die Jahreszeit passt, kannst du dir vielleicht überlegen, ob du mal versuchst, deine Auberginen einfach selbst anzubauen, anstatt sie aus Spanien importieren zu lassen. Hast du jedoch keinen eigenen Garten, fokussierst du dich vielleicht eher darauf, dein Obst und Gemüse nicht mehr in Plastiktüten zu kaufen, sondern in wiederverwendbaren Gemüsebeuteln aus Naturfaser. Die kann man inzwischen sogar in vielen Supermärkten kaufen (meistens an der Kasse auf Nachfrage – einfach mal ausprobieren).

Wichtig: Bleib dabei bei dir selbst und sei dir im Klaren darüber, was für dich persönlich realistisch und umsetzbar ist. Bei all dem gilt das alte Lied: Nimm dir nicht zu viel vor und bleib realistisch! Freue dich über jeden einzelnen Teilsieg, über jede vermiedene Plastiktüte und über jede selbstgezogene Aubergine.

4. Geh Schritt für Schritt voran, sei gnädig mit dir selbst und steh wieder auf!

Oft gehört und immer noch wahr: Nachhaltigkeit ist ein Prozess, kein Ziel. Kluge Worte, die nach einem langen Atem und dem Gemüt eines Buddhas verlangen. Und ja, der Buddha in dir wird von dieser Praxis definitiv profitieren. Was aber nicht unbedingt das Schlechteste ist!

In Schritt drei hast du nun konkrete Handlungen formuliert, mit denen du der Umsetzung deines Vorhabens näherkommst. Nun gilt es also eine kontinuierliche Praxis zu etablieren und diese aufrechtzuhalten.

Wichtig hierbei: Auch wenn dieser 5-Punkte-Plan als Methode dient, langfristig am Ball zu bleiben und seinem Ziel Schritt für Schritt näherzukommen – bei den sogenannten Etappenzielen ist es umso hilfreicher, eben NICHT allzu weit im Voraus zu planen. Konzentriere dich beispielsweise erst auf das Weglassen der Plastiktüten und/oder auf das Anpflanzen eigener Auberginen. Wenn dir das gelingt und aus dem Vorhaben ein Zustand geworden ist (wichtig!), wird sich dir der nächste Schritt wie von selbst aufdrängen. Häufig bedarf die Umsetzung eines sogenannten Zwischenziels jedoch viel Zeit, Geduld und Nachsicht mit sich selbst. Wenn du dann gedanklich bereits beim nächsten Schritt bist und ehrgeizig nach vorne eilen willst, dann läufst du Gefahr dich zu verhaspeln, die Frustrationstoleranz sinkt und du verlierst die Freude an deinem Projekt. Konzentrier dich lieber voll auf das Jetzt und auf deine momentane Mission. Wenn du jeden Schritt mit ganzem Herzen gehst, kommst du schneller an dein Ziel, als du dir vorstellen kannst.

Außerdem überlebenswichtig: Übe Nachsicht mit dir selbst! Und steh wieder auf! Und wenn du wissen willst, wie ich gleichzeitig gegen Halbherzigkeit und für Nachsicht mit dir selbst argumentieren kann: Das eine bedingt das andere. Und es hat wieder mit der Frustrationstoleranz zu tun. Du wirst Fehler machen, mal mehr, mal weniger motiviert sein, mal die wiederverwendbaren Sisalbeute vergessen oder die falsche Erde für die Auberginen verwenden und trotzdem Hunger auf Moussaka haben – und also wieder die Importierten aus Spanien kaufen. Ich sage ausdrücklich nicht: Sch*** drauf. Ich sage nur: Es wird passieren. Und wenn du dir diese Fails nicht verzeihst, wirst du aufgeben. Wir sind alle nur Menschen, wir versuchen alle unser Bestes zu geben und sind trotzdem fehlbar und fallen. Jeder von uns leidet darunter, du genau wie ich. Aber nur indem wir uns unsere Fehler und Missstände bewusst eingestehen und verzeihen und trotzdem unser Ziel nicht aus den Augen lassen, können wir uns selbst und unseren aufrichtig formulierten Absichten, Idealen und Träumen treu bleiben. Mag pathetisch klingen, ist aber so. Irgendwann wirst du im Wieder-Aufstehen eine solche Routine erlangt haben, dass du dem Fallen gar keine Aufmerksamkeit mehr widmest. Und dann wird es wie von Zauberhand immer seltener passieren. Immer seltener wirst du die Sisalbeutelchen oder dein Einkaufsnetz vergessen, immer üppiger wird die Auberginenernte ausfallen. Und dann irgendwann merkst du, dass es Zeit für den nächsten Schritt ist.

5. Behalte dein persönliches Warum im hinterkopf, Liebe das Detail und lass dich nicht ablenken

Im zweiten Schritt hast du deine grundlegende Absicht, dein übergeordnetes Ziel und dein ganz persönliches Warum formuliert. Es ist hilfreich, wenn du dir diese Absicht in beziehungsweise vor einer jeweiligen Situation kurz vor Augen rufst und bewusst machst. Das erfordert nahezu keinen Aufwand, man muss lediglich dran denken. Wenn du beispielsweise nach der Arbeit vor dem Supermarkt das Auto parkst oder während du auf dem Fahrrad Richtung Laden radelst, könntest du einfach kurz an dein Warum denken: Ich möchte meinen ganz persönlichen Teil zum Schutz oder zur Rettung des Planeten beitragen; ich möchte zu denen gehören, die das Richtige tun. Dann kannst du beispielsweise daran denken, dass es deshalb im Moment deine Aufgabe ist, Plastiktüten beim Obst und Gemüse zu vermeiden und deine Einkäufe im Einkaufsnetz oder etwas Ähnlichem nach Hause zu tragen. Und dann gehst du einkaufen und handelst entsprechend. Mehr nicht. So einfach ist es.

Und wenn etwas schiefgeht, du bei der Arbeit einen chaotischen Tag hattest und vor lauter Zerstreutheit die Beutelchen und das Einkaufsnetz vergessen hast, dann ist das eben so. Dann machst du Schadensbegrenzung, kaufst vielleicht nur das Nötigste, stopfst so viele Obst- und Gemüseteile wie möglich in eine Tüte – und verzeihst dir deine Schusseligkeit. Weil du eben auch nur ein Mensch bist. Und stehst wieder auf und machst weiter.

Übrigens: Mit der Zeit wirst du merken, dass du ein Auge fürs Detail entwickelst. Also – für die Details in deinen Einkaufsgewohnheiten. Innerlich wirst du natürlich mehr wollen als nur auf Beutelchen zu verzichten. Dir wird beispielsweise auffallen, wie viele Unmengen an Plastik wir eigentlich zwangsläufig kaufen. Von wie weit her die meisten Lebensmittel geschifft werden. Wie TEUER nachhaltige Lebensmittel sind. Das Einkaufen wird auf einmal wahnsinnig interessant, wenn man es durch die Nachhaltigkeitsbrille tut. Das birgt natürlich die Gefahr, dass du zu viel auf einmal willst, dich von deinem momentanen Vorhaben (Gemüsebeutel aus Plastik vermeiden) ablenkt und deinen Fokus zu weit ausdehnt. Versuche dem zu widerstehen. Bleib bei deiner momentanen Absicht und lass dich nicht davon ablenken. Stattdessen kannst du dein Auge fürs Detail auf andere Weise kultivieren. Beispielsweise kannst du dir Listen machen mit Dingen, die dir aufgefallen sind und die du mittelfristig beim Einkaufen beachten oder eben vermeiden willst (aber einen Schritt nach dem anderen!). Oder du begnügst dich damit, aufmerksam hinzuschauen und bewusst wahrzunehmen.

Wichtig ist: Nur weil du konzentriert bei einer Sache bleibst, heißt das nicht, dass du Scheuklappen aufsetzen sollst. Ganz im Gegenteil: Je mehr du wahrnimmst, desto ausgeprägter wird dein Bewusstsein für die Thematik. Und wenn du deine Absicht konstant aufrechterhältst, gewissenhaft einen Schritt nach dem anderen machst, dann spürst du ganz von selbst, wann es Zeit für die nächste Etappe ist. So hat es mit der Halbherzigkeit dauerhaft ein Ende und du läufst trotzdem nicht Gefahr, an deinen eigenen Ansprüchen zu ersticken. Denn wenn man hinfällt, dann kann man ja einfach wieder aufstehen.

Regina T.

Hallo liebe Leser und Reisefreunde! Ich bin Regina, Teil des kleinen, aber feinen Autorenkollektivs des touriDat-Blogs und kümmere mich in erster Linie um die Kategorie EcoTravel. Dort versorge ich euch regelmäßig mit vielen interessanten Infos, Hintergrundwissen, Tipps und Empfehlungen rund um das Thema nachhaltig Reisen und sanfter Tourismus. Ich freue mich darauf, dieses spannende Thema mit euch anzugehen und zusammen mit euch jede Menge Neues zu lernen!

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