Der Teufel trägt Flip-Flops

5 Gründe, warum Massentourismus nicht einfach nur unsexy ist, sondern das glatte Gegenteil von nachhaltigem Reisen

Flip Flops Yellow on blue wooden background

Hach, was war das schön. Als man noch ohne schlechtes Gewissen über das verlängerte Wochenende nach Mallorca jetten oder an die Amalfiküste düsen, sich dort zu den anderen Ölsardinen an den Stand gesellen konnte und die Welt irgendwie herrlich einfach und in Ordnung war. Inzwischen erscheinen solche Szenarien wie längst verblichene Erinnerungen an ein anderes Zeitalter.

Wie Reiselust zu Massentourismus wurde

Die positiven Aspekte der Globalisierung, die Freude über den Wegfall der innereuropäischen Grenzen, das anhaltende Wirtschaftswachstum und der zunehmende Wohlstand – all das führte zu einer enormen Reiselust, insbesondere unter uns Westeuropäern und Deutschen. Nun liegt es uns als Reiseportal natürlich fern, jemandem daraus einen Vorwurf zu machen! Aber inzwischen lässt sich nicht mehr leugnen: Wenn Reiselust zum Breitenphänomen wird, wird Massentourismus zum Problem. Beliebte Destinationen wie Mallorca, Venedig und Dubrovnik, aber auch vermeintliche Geheimtipps wie verschlafene Bergdörfer in den Alpen, winzige Häfen auf den norwegischen Hurtigruten oder das urige Island ächzen unter den Folgen des enormen Zustroms. Die Folgen: Viel zu viele Menschen auf viel zu wenig Raum, für Einheimische bleibt kaum mehr Platz, zurückgelassen werden Müll, Dreck und lächerlich wenig Geld, weil die Reisen zu Niedrigstpreisen verhökert werden.

Und überhaupt: „Wir sind doch kein Vergnügungspark!“, finden beispielsweise die Isländer. Die Mallorquiner gehen schon seit Jahren auf die Straße, um gegen den Massentourismus zu demonstrieren. Die Mieten auf der Deutschen liebsten Insel steigen ins Unerschwingliche, weil Vermieter Ihre Immobilien viel teurer an den Mann bringen können, wenn Sie sie an Touristen vermieten. „Go Away“, lautet der Hilferuf, der sich in leuchtenden Kreidelettern auf den mittelalterlichen Gemäuern in Palma und anderen Hotspots findet: „Geht weg!“ Gemeint sind natürlich wir, die sonnenhungrigen Touristen.

Wie genau kam es eigentlich zum Massentourimus?

Massentourismus ist ein eindeutig negativ belegter Begriff, der den Tourismus als Massenerscheinung meint und die damit einhergehenden Probleme miteinschließt. Seit dem zweiten Weltkrieg, insbesondere seit der Zeit des Wirtschaftswunders und dann intensiviert durch den Wegfall der innereuropäischen Grenzen, den Anstieg des Wohlstands weltweit und durch weitere sogenannte Boomfaktoren hat sich das Reiseaufkommen enorm gesteigert. Die Tourismusbranche gehört noch immer zu den am stärksten wachsenden Branchen überhaupt. Das Problem: Reisende hinterlassen Spuren. Und je mehr Reisende es gibt, umso stärker die Spuren. Besonders beliebte Urlaubsregionen und Reisedestinationen verändern sich dadurch langfristig und leiden unter Problemen, die ohne den großen Zustrom an Reisenden nicht entstanden wären. In anderen Worten:

Doch welche Probleme sind das eigentlich genau, die der Massentourismus hervorruft? Welche Auswirkungen hat er auf die Umwelt sowie die sozialen und wirtschaftlichen Aspekte der betreffenden Regionen – und ist er wirklich so schlecht wie sein Ruf? Oder sitzen wir alle nur einer aufgebauschten Massenhysterie auf. Bei uns findest du antworten:

Grund 1: Vermüllung der Städte

Im Hafen von Venedig spucken Kreuzfahrtschiffe in der Hauptsaison fast stündlich tausende Touristen aus. Das Szenario wirkt geradezu absurd: Die gigantischen Schiffe, auf Wasser gebaute Kleinstädte, sehen vor den pittoresken Gemäuern der Lagunenstadt erschreckend massiv aus und wirken wie Eindringlinge. Auch die Menschenmassen, die durch die Gassen strömen und sich auf der Säufzerbrücke oder vor dem Dogenpalast im Vorbeigehen via Selfie verewigen, müssen den Einheimischen einer feindlichen Übernahme gleichkommen. Der deutsche Schauspieler Ulrich Tukur, der seit bald zehn Jahren in Venedig wohnt, zieht nun fort. „Es ist ja nicht mehr auszuhalten dort!“, sagte er jüngst empört in einer Talkshow. Abgesehen davon, dass man vor lauter Menschenmassen kaum mehr geradeaus gehen kann – vor allem in der Hauptsaison –, gerate auch die Stadt selbst zusehends in einen immer schlechteren Zustand. Die alten Gemäuer halten dem Ansturm schlichtweg nicht stand. In erster Linie sind es jedoch die Müllberge, die die Touristen hinterlassen, die kaum mehr zu bewältigen sind. Hinzukommen die immensen Emissionen an Abgasen, aber auch an Lärm, die zu einer ständigen Belästigung geworden sind und die Lebensqualität vor Ort erheblich verschlechtern.

Grund 2: Touristifizierung

Die sogenannte Touristifizierung ähnelt in ihrem Prozess der Gentrifizierung, nur eben durch Reisende anstatt durch einheimische Bürger. Das heißt: Ärmere Bewohner werden zugunsten einer zahlungskräftigeren Klientel verdrängt. So geschieht es zumeist in den großen Metropolen, seit Städtereisen und Kurztrips so beliebt geworden sind. Via beispielsweise Airbnb vermarkten Privatleute ihre Wohnungen über das Internet. Reisende freuen sich, weil sie hier besonders authentisch wohnen und der lokalen Lebensart ganz nah kommen. Vermeintlich. Denn inzwischen hat das Konzept überhandgenommen und verdrängt die eigentlichen Bewohner aus ihren Vierteln. Mit der Veränderung in der Klientel und in der Bevölkerungsstruktur passen sich natürlich auch die Bedingungen vor Ort an: Geschäfte, das öffentliche Leben, Veranstaltungen und vieles mehr passen sich den Bedürfnissen der Touristen an. So entsteht die sogenannte Touristifizierung – eigentlich ein Paradox:

„Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet.“

Hans-Magnus Enzensberger

Grund 3: Ausverkauf von Kultur und Tradition

Nicht nur die Bevölkerungsstruktur betreffend, auch die Kultur vor Ort bleibt von den Veränderungen in der Nachfrage nicht unberührt. Weltkulturerbestätten und Landschaften dienen nur noch als Hintergrund für ein schnelles Selfie, Brauchtum und Tradition verkommen zur Folklore, um Touristen zu amüsieren und einen vermeintlich authentischen Eindruck zu erwecken. Auf diese Weise sollen Reisende zum Kauf von Souvenirs oder zur Teilnahme an Aktivitäten, Ausflügen, Veranstaltungen und Ähnlichem bewegt werden. Mit echter Kultur hat das eigentlich nicht mehr viel zu tun.

Grund 4: Ökonomische Folgen

Die Tourismusindustrie gehört zu den weltweit am schnellsten wachsenden Wirtschaftszweigen. Leider bekommt die Bevölkerung vor Ort meist wenig von dem Goldrausch mit. Massentourismus zeichnet sich unter anderem durch die Nutzung von pauschalen Reiseangeboten aus, bei denen das Geld immer in den Taschen der jeweiligen Reiseveranstalter und Touristikunternehmen landet. Sei es die Kreuzfahrt, der 5-Sterne-Urlaub in einer weitläufigen Anlage auf den Kap Verden oder der All-inclusive-Urlaub am Mittelmeer. Das Geld für Getränke, Speisen und meist sogar für Ausflüge bleibt im Hotel, auf dem Schiff, in der Anlage oder beim Reiseveranstalter. Die Wirtschaft im Gastgeberland profitiert hingegen kaum.

Zur ganzen Wahrheit gehört jedoch auch: Würden auf einmal überhaupt keine Touristen mehr an klassische Urlaubsorte in Armutsgebieten reisen, wie in die Dominikanische Republik oder eben die Kap Verden, würde die dortige Wirtschaft kurz vor dem Kollaps stehen. Der Tourismus schafft Arbeitsplätze und ökonomische Stabilität. Dennoch müssen die Angestellten und Arbeiter vor Ort meist zu sehr geringen Löhnen und schlechten Arbeitsbedingungen schuften.

Grund 5: Umwelt und Klima

Last, but not least: Klar, das Klima leidet. Und zwar jedes Jahr aufs Neue und jedes Jahr aufs Neue mehr. Rund 1,3 Milliarden Menschen gingen 2018 im globalen Durchschnitt auf Reisen. Im Jahr 1995 waren es noch 531 Millionen. Laut ADAC Reisemonitor unternimmt inzwischen jeder dritte Deutsche zwei Urlaubsreisen von mindestens fünf Tagen pro Jahr. Und wenn wir schon bei Zahlen sind: Rund acht Prozent der globalen Treibhausgas-Emissionen gehen auf den weltweiten Tourismus zurück. Der CO2-Fußabdruck wächst schneller als uns Reiselustigen lieb ist – erst recht, wenn man außerdem weiß, dass Deutschland auf Platz 3 unter den Hauptverursachern rangiert, hinter den USA und China. Vor allem Flugreisen seien dafür verantwortlich, aber auch Kreuzfahrtschiffe tragen einen erheblichen Teil dazu bei. Was hilft? #Flugscham bestimmt nicht. Weniger fliegen, mit leichtem Gepäck. Das Kreuzfahrtschiff ablegen lassen und stattdessen mit dem Camper auf Tour gehen. Der verbraucht zwar immer noch viel Sprit – aber neben diesen beiden CO2-Schwergewichten stinkt er gnadenlos ab.

Abschließend will gesagt sein, dass natürlich nicht Reisen im Allgemeinen verteufelt werden sollte! Reisen dient der Völkerverständigung, dem Austausch von Kulturen und – unter besseren Umständen – auch der Wirtschaft vor Ort. Ein Patentrezept dafür gibt es leider noch nicht. Grundsätzlich ist es an Politik und Reiseveranstaltern, Rahmenbedingungen zu schaffen, die die kritischen Grenzen eines Ortes, des Klimas oder der Ökonomie im Blick behalten und so bei Fehlentwicklungen gegensteuern können.

Gleichzeitig ist es natürlich auch an uns Reisenden, neue Wege zu beschreiten und herauszufinden, wie wir unseren Planeten kennenlernen können, ohne ihm zu schaden. Nachhaltiges Reisen, sanfter Tourismus ist also das Konzept der Zukunft.

Regina Tücking

Hallo liebe Leser und Reisefreunde! Ich bin Regina, Teil des kleinen, aber feinen Autorenkollektivs des touriDat-Blogs und kümmere mich in erster Linie um die Kategorie EcoTravel. Dort versorge ich euch regelmäßig mit vielen interessanten Infos, Hintergrundwissen, Tipps und Empfehlungen rund um das Thema nachhaltig Reisen und sanfter Tourismus. Ich freue mich darauf, dieses spannende Thema mit euch anzugehen und zusammen mit euch jede Menge Neues zu lernen!

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